Aggressionen bei Menschen mit Demenz sind häufiger als man denkt! Eine demenzerkrankte Frau wirft Ihrer Angehörigen einen Blumentopf hinterher. Nur der schnellen Reaktion der Angehörigen und der mangelnden Zielgenauigkeit der an Demenz Erkrankten ist es zu verdanken, dass es beim Sachschaden bleibt. Was war passiert? Die Angehörige hatte die ältere Dame gedrängt, ins Bett zu gehen. Da ihr Drängen erfolglos war, wandte sich die Angehörige verärgert ab. Diesen Ärger beantwortete die an Demenz Erkrankte – ihren Möglichkeiten entsprechend – mit dem „fliegenden Blumentopf“.
Alles zum Thema Aggression bei Demenz finden Sie in "Leben lernen mit Demenz" .
Wendet auch Ihr Angehöriger schon einmal Gewalt an, um seinen Willen durchzusetzen? Hat er Sie z. B. während der Pflege schon einmal geschlagen, gekniffen oder gebissen? Oder Sie bösartig beschimpft? Man ist in solch einer Situation hilflos und gleichzeitig angsterfüllt. Vielleicht fragen Sie sich auch: „Wo soll das enden?“ oder „Was tu ich nur, wenn er eines Tages völlig ausrastet?“
Das Thema der Gewalt wird oft tabuisiert. Oft glauben pflegende Angehörige in solchen Situationen, sie hätten versagt und die Situation selbst verursacht. Manche haben auch vor dem Gerede in der Nachbarschaft Angst, wenn bekannt wird, dass die Mutter oder der Ehemann gewalttätig ist. Solche Befürchtungen sind verständlich und nachvollziehbar. Aber es ist für Sie wichtig, über diese Probleme offen zu sprechen und Lösungen zu finden, wie Sie mit diesen Situationen umgehen können.
Das können Auslöser für Aggressionen bei Demenz sein
„Ausraster“ von Menschen mit Demenz haben in der Regel einen Auslöser. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass auch Ihr Angehöriger aus einer bestimmten Situation heraus Aggressionen zeigt. Das heißt: Diese Situation ist dann der Auslöser für seine Aggressionen. Hier finden Sie deshalb in der Übersicht die häufigsten Gründe für Gewalthandlungen und Aggressionen von an Demenz Erkrankten gegenüber einer Hilfsperson.
Versuchen Sie, bei Ihrem Angehörigen Aggressionen auslösende Faktoren herauszufinden und dann so weit wie möglich zu reduzieren.
Übersicht: Das sind mögliche Auslöser für Aggressionen von Menschen mit Demenz im häuslichen Bereich
- Essen reichen gegen den Willen des an Demenz Erkrankten oder Zwang zur Nahrungsaufnahme („Du musst doch was essen!“)
- Hektisches Anreichen der Nahrung und Missachtung der Essgewohnheiten, z. B. zu große Portionen
- Verwendung von „Schnabeltassen“ gegen den Willen des Demenzkranken
- Missachtung der Intimsphäre, z. B. ständiges Nachschauen, wenn der Demenzerkrankte auf der Toilette ist
- Zwang zum Baden oder Duschen oder Hilfestellungen dabei unter Zeitdruck
- Unerkannte Schmerzen, z. B. bei der Mundpflege
- Anziehen von Kleidung, die der Demenzerkrankte nicht mag, z. B. praktische Kleidung wie Jogginganzüge
- Fußpflege oder Haareschneiden gegen den Willen des Demenzkranken.
- Verwendung von „Babysprache“
- Falsche Anwendung von „Gehirnjogging“ durch prüfungsähnliches Abfragen von Datum, Uhrzeit und Namen
- Menschen mit Demenz von hinten oder von der Seite ansprechen
- Korrigierendes, kritisierendes Verhalten mit ständigem Vorwerfen von Fehlverhalten
- Lange (unangebrachte) Diskussionen
- Lautes Sprechen oder Schreien
- Autoritäres, bevormundendes Verhalten
- Aufzwängen von Aktivitäten oder keine Beschäftigung anbieten
- Überforderung durch zu lange Aktivitäten, z. B. langes Vorlesen aus Tageszeitungen / Büchern
- Ständige Reizüberflutung durch Radio und Fernseher
- Veränderungen im Zimmer oder in der Wohnung des an Demenz Erkrankten ohne seine Einwilligung
- Fehlende Rückzugsmöglichkeiten im Familienverbund
Erkennen Sie Schritt für Schritt Auslöser für Aggressionen Ihres Angehörigen mit Demenz
1. Schritt: Achten Sie auf die auslösende Situation
Beobachten Sie zunächst, zu welcher Tageszeit bzw. in welcher Situation Ihr Angehöriger ungehalten wird. Versuchen Sie herauszufinden, was kurz vor den Aggressionen passiert ist. Haben Sie ihn evtl. gegen seinen Willen gewaschen? Wurde er beim Essen wütend? Dies könnte daran liegen, dass Sie zu lange versucht haben, ihn zum Essen zu bewegen, obwohl er nicht mehr wollte. Es könnte aber auch sein, dass er Schmerzen beim Essen hat, die er nicht mehr artikulieren kann.
Tipp: Führen Sie über einige Zeit ein „Tagebuch“, in dem Sie die Uhrzeit und Situation festhalten.
2. Schritt: Passen Sie Ihr Verhalten an
Wenn Sie den Auslöser für die Aggressionen Ihres Angehörigen herausgefunden haben, ändern Sie Ihr Verhalten bzw. Ihre Vorgehensweise dementsprechend, z. B. folgendermaßen:
- Verlegen Sie die Körperpflege einfach mal auf die Abendstunden. Zwingen Sie Ihren Angehörigen aber nicht, sich zu waschen oder waschen zu lassen. Es ist gar nicht erforderlich, dass Ihr Angehöriger täglich von Kopf bis Fuß gewaschen ist.
- Wenn die Probleme beim Essen auftreten, achten Sie darauf, dass Sie Ihren Angehörigen während einer Mahlzeit nicht zu sehr zum Essen nötigen. Bieten Sie ihm stattdessen über den Tag verteilt immer wieder kleine Häppchen an. Klären Sie ggf. beim Zahnarzt ab, ob es Probleme im Mundbereich gibt, die Ihrem Angehörigen Schmerzen bereiten.
3. Schritt: Das können Sie tun, wenn Sie den Auslöser der Aggressionen nicht ermitteln können
Überlegen Sie, ob Sie den gewohnten Tagesablauf Ihres Angehörigen verändert haben. Das können Kleinigkeiten sein, z. B. wenn er früher aufstehen oder essen soll, als er es gewohnt ist. Versuchen Sie, den Tagesablauf so weit wie möglich an seine Gewohnheiten anzupassen. Hat Ihr Angehöriger ausreichend Möglichkeiten, sich auch einmal zurückzuziehen?
Wenn Ihr Angehöriger ein Langschläfer ist – das kann auch medikamentös bedingt sein –, dann lassen Sie ihn ausschlafen. Versuchen Sie, seinen gewohnten Tagesablauf einzuhalten. Wegen seiner Demenz verunsichern ihn Veränderungen. Es fehlt ihm zudem die Fähigkeit einzusehen, dass er sich neuen Bedingungen anpassen muss.
4. Schritt: Information an den Arzt über die Aggressionen
Reden Sie mit dem Hausarzt oder Neurologen Ihres Angehörigen über die Aggressionen. Manchmal können Nebenwirkungen oder ungünstige Medikamentenzusammenstellungen die Ursache dafür sein. Aber auch Unverträglichkeit kann zu Aggressionen führen. Eine Medikamentenumstellung hilft sehr oft.
5. Schritt: So vermeiden Sie Aggressionen und Gewaltausbrüche bei einem Menschen mit Demenz
Wenn Sie herausgefunden haben, welche Faktoren bei Ihrem Angehörigen Aggressionen auslösen, versuchen Sie, diese Auslöser – so weit, wie es geht – zu vermeiden. Gehen Sie während eines Wutausbruchs niemals auf Ihren Angehörigen zu. Er könnte sich dadurch bedroht fühlen. Versuchen Sie auch nicht, ihn festzuhalten.
Tabuisieren Sie Aggressionen Ihres Angehörigen mit Demenz nicht
Aggressionen bei Menschen mit Demenz sind häufiger, als Sie vielleicht denken. Die Krankheit enthemmt und begünstigt damit auch heftige Reaktionen. Weil der Erkrankte sich oft nicht mehr mit Worten ausdrücken kann, weiß er sich manchmal nicht mehr anders zu helfen, als „um sich zu schlagen“.
Bei aggressiven Verhaltensweisen Ihres Angehörigen sollten Sie eine Möglichkeit suchen, Ihre Ängste offen auszusprechen. Reden Sie im Familienkreis darüber. In vielen Regionen gibt es auch Selbsthilfegruppen für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz. Hier können Sie mit Menschen sprechen, die ähnliche Sorgen und Erfahrungen haben wie Sie. Ein Verzeichnis von bundesweiten Selbsthilfegruppen finden Sie im Internet z. B. auf www.deutsche-alzheimer.de .
Tipp: Gewalt und Aggressionen treten meistens in den Morgenstunden auf. Versuchen Sie, den Auslöser herauszufinden, z. B. Zwang zur Körperpflege. Demenzerkrankte sind häufig bei der Körperpflege aggressiv. Verlegen Sie diese dann besser auf die Abendstunden.
Mit den in der Checkliste aufgeführten Maßnahmen können Sie sich bei Aggressionen Ihres Angehörigen schützen.
Checkliste: Mit diesen Maßnahmen wirken Sie auf die Aggressionen von Menschen mit Demenz positiv ein |
Entfernen Sie alle Gegenstände, mit denen Ihr Angehöriger sich selbst oder Sie verletzen kann. Tauschen Sie z.B. Glasflaschen gegen Plastikflaschen aus. | 
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Wenn Ihr Angehöriger Sie anschreit, schreien Sie niemals zurück, auch wenn es manchmal schwerfällt. Dies verschlimmert die ganze Situation nur noch mehr. | 
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Sprechen Sie bewusst leise und ruhig. Sie machen Ihren Angehörigen damit auf sich aufmerksam. | 
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Vermeiden Sie es, Ihren Angehörigen mit 2 Personen zu überwältigen. Diese Maßnahme sollte nur erfolgen, wenn er selbst, Sie oder andere in Gefahr sind. | 
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Denken Sie an Ihre Sicherheit. Halten Sie im Aggressionsfall genügend Abstand zu Ihrem Angehörigen. Nähern Sie sich ihm nicht von hinten oder von der Seite. Er könnte sich dadurch bedroht fühlen. | 
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Halten Sie Blickkontakt, wenn Sie mit Ihrem Angehörigen sprechen. Sprechen Sie in kurzen und verständlichen Sätzen. Vermeiden Sie lange Diskussionen. Will sich Ihr Angehöriger nicht beruhigen, verlassen Sie die Situation, indem Sie sich ein paar Meter von ihm entfernen. | 
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Versuchen Sie nicht, Ihren Angehörigen festzuhalten, das verstärkt nur sein Gefühl von Bedrohung und seine Aggressionen. | 
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Wenn Sie sich mit der Situation überfordert fühlen, holen Sie ein anderes Familienmitglied oder einen externen Helfer, z. B. vom Pflegedienst, hinzu. Verlassen Sie dann die Situation ganz. | 
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Lassen Sie Ihren aggressiven und gewaltbereiten Angehörigen nicht unbeobachtet! Er könnte sich auch selbst verletzen. Verlassen Sie z. B. das Zimmer, aber lassen Sie die Türe offen. | 
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Wenn Sie das Gefühl haben, dass die Situation immer weiter eskaliert, oder Sie bzw. Ihr Angehöriger verletzt werden könnte, rufen Sie einen Arzt! | 
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Falls Sie verletzt wurden, sollten Sie sich in jedem Fall untersuchen lassen. | 
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Fazit: Es ist sehr verständlich, dass Ihnen Gewaltsituationen emotional zusetzen und Sie sich für Ihren Angehörigen schämen oder ihn einfach nicht verstehen. Es ist jedoch wichtig, dass Sie sich professionelle Hilfe holen, z. B. über eine Beratungsstelle oder einen Pflegedienst. Professionelle Helfer kennen diese Situationen und können als Außenstehende oft die besten Tipps geben.
Informieren Sie sich noch umfassender zum Thema Aggression bei Demenz in "Leben lernen mit Demenz" .
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